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Reviews "Techno hilft" Osthaus Museum Hagen



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Interview with World Radio Switzerland about my installation "Pass This On"









von Kolja Reichert. Erschienen in der FabrikZeitung Zürich und im Tagesspiegel Berlin:

Die Rückeroberung von Aura

Nach dem Tod des Tonträgers: Der Basler Künstler Fabian Chiquet und seine Band The Bianca Story machen Pop mit den Mitteln der Kunst und Kunst mit den Mitteln des Pop

Ein Freund von mir sagt, er fände es okay, wenn illegales Downloaden mit dem Abschalten des Internetzugangs bestraft würde, so wie es bald in Frankreich passiert. Dann würde er endlich damit aufhören und hätte wieder Spaß daran, sich CDs zu kaufen, wie früher. Wie weit ist es gekommen, dass jemand gezwungen werden möchte, für Musik zu zahlen? Wir haben uns daran gewöhnt, in Minuten die komplette Nick-Cave-Diskographie runterladen zu können und auf jeder Party die neuesten Elektrotracks per Stream parat zu haben. David Bowie sagte schon vor zehn Jahren: Musik wird aus der Leitung kommen wie Wasser.
Jetzt, wo selbst die Majorlabels kapiert haben, dass in FlatrateAngeboten wie Spotify auch ihre Zukunft liegt; jetzt, wo die Archive geöffnet werden, verflucht mein Freund diese Freiheit. Und wünscht sich zurück in die gute alte Zeit, als er sich für 25 Mark die Gewissheit kaufen konnte, er würde die Musik, die er hört, besitzen.
Aber kann man Musik besitzen? Und muss man Geld zahlen, um sie schätzen zu können? Die Digitalisierung hat den Geldfluss zwischen Künstler und Hörer ausgetrocknet. Und es scheint, als stünde nun nicht nur der Künstler mit leeren Händen da. Auch mancher tapfere Downloader stellt fest, dass sich all die Gigabytes auf seinen Festplatten irgendwie wertlos anfühlen. Zumindest in Deutschland pfeifen es die Spatzen von den Konferenzen und aus dem Feuilleton: Pop hat ein Werteproblem.
Die Basler Elektropop-Band The Bianca Story hat die Diskussion in eine schlüssige Form gepackt. Sie verschenkte ihre letzte EP Anfang des Jahres Song für Song per Download. Für jeden stellte sie einen Videoclip auf Youtube. So weit, so üblich. Zusätzlich veröffentlichten The Bianca Story allerdings die EP in einer Kunstausstellung – als Skulptur. Klappte man den Glitzerwürfel auf, kamen Boxen und Monitore zum Vorschein, die die Musik aufführten. Klappte man ihn zu, stoppte die Musik. Klappte man ihn wieder auf, erklang der nächste Track. Je weiter man den Würfel öffnete, desto lauter wurde er. Genial: Die CD ist tot, es lebe das Kunstobjekt.
Vier Wochen war das Werk „Unique Copy“ in einer Ausstellung für die Öffentlichkeit da, dann wurde es höchstbietend versteigert und ging für über 10 000 Franken an den reichsten Erben Basels, der es in Zukunft in seiner Strandbar ausstellen möchte. Nein, „reich geworden sind wir sicher nicht“, wiegelt Keyboarder Fabian Chiquet ab. Aber sicher ein klein wenig reicher als mit einer Kauf-EP. Vor allem war die Aktion ein Promotion-Erfolg. „Uns ging es darum, Diskussionen loszutreten, die spannend sind, über den Wert von Musik und die Zukunft der Tonträgerindustrie.“ „Musik wird immer mehr abgekoppelt von den Leuten die sie machen“, bedauert Fabian. „Das Selbstverständnis als Fan, der für seine Künstler alles tut und schaut dass sie gut vorankommen, geht verloren.“ The Bianca Story halten dagegen. „Wir versuchen dem was wir machen einen so hohen Wert zu geben, dass die Leute es schätzen können.“ Immer mehr Musiker versuchen ihre Veröffentlichungen aufzuwerten, mit strengen Limitierungen und beigelegten Postern bis hin zu Bildbänden. So schlüssig wie The Bianca Story mit „Unique Copy“ hat das aber bislang keiner gemacht. Das Album als Skulptur - ist das die Zukunft des Formats Pop-Album? Von der Massenware, die um Chart-Platzierungen kämpft, zum Unikat? Die Rückeroberung von Aura durch radikale Verknappung?
Pop speist sich aus ständig neu befeuertem Begehren und dem Versprechen auf Erfüllung. Die Befriedigung ist käuflich – und infolge der Digitalisierung unmittelbar und oft gratis möglich. Das nimmt Tonträgern die Aura. Wenn Sam Riley in Anton Corbijns Joy-Division-Film seine Bowie-Platte aus der Hülle zieht wie ein Heiligtum, ist das eine Szene aus einer fernen Zeit. Kunst dagegen funktioniert ohnehin anders. Kunst macht sich rar. Pop will größtmögliche Reichweite. Kunst will höchstmögliche Preise.
Die Grenze von Kunst und Pop wurde seit Andy Warhols Factory immer wieder überspielt. Das New Yorker House-Duo Fischerspooner trat in Theatern und Galerien auf, bevor es als Popact vermarktet wurde. Sie stellten fest, dass man zwar ein Kunstfoto als Albumcover verwenden konnte – wenn man das Motiv aber hinterher in einer Galerie ausstellte, sahen die Leute darin plötzlich keine Kunst mehr. Was zeigt, wie sehr Wertzuschreibungen an den Rezeptionsrahmen geknüpft sind. The Bianca Story kreuzen clever die beiden Aufwertungssysteme Kunst und Pop und schaffen ein Artefakt, das über sich selbst hinaus strahlt. Nur einer kann es besitzen. Aber alle kriegen die Kopie. Die Band mit ihrem aufgedrehten, fast ranschmeißerisch zeitgemäßen
Sound aus Discogeklöppel, Posaunen und der Johnny-Cash-Röhre von Sänger Elia Rediger hat schon mit Musical-Aufführungen und Kopfhörerkonzerten auf sich aufmerksam gemacht. Mit ihrem ersten Album „Hi Society“ tourte sie durch Europa. Zuletzt zeigte sie im Theater der Künste eine Elektrooper über die Youtube-Berühmtheit Chris Crocker.
Halb Band, halb Kunstprojekt – das Tanzen zwischen den Stühlen verleiht der Band Freiheit. „Je mehr wir in der Kunst unterwegs sind, desto poppiger wird die Musik“, sagt Fabian. Und der 24jährige ist selbst gerade dabei, sich seinen Platz im Kunstbetrieb zu erobern – mit Popthemen. Der Mann geht seine Künstlerkarriere auch an wie eine Popkarriere. Er weiß genau, welche Auszeichnungen er in welchem Alter bekommen muss, um sich die Aufmerksamkeit zu sichern. „Kunst funktioniert so“, stellt er klar. „Künstlerlaufbahnen sind voraussehbarer als jede Bankerkarriere.“ Seine Jugend verbrachte er mit Fußballspielen statt mit Klavierstunden, und als Künstler fühlt er sich auch erst seit dem zweiten Studienjahr. Nach seinem Abschluss an der HGK Basel wurde er bei den Swiss Art Awards ausgezeichnet. Im November widmet ihm die Zürcher Galerie Groeflin Maag eine Einzelausstellung. Auf der Berliner Messe Art Forum zeigte Fabian im September seine Video- und Soundinstallation „Dancing People are never wrong“, in der er, eingewickelt in rot-weiße Absperrbänder, Tektonik tanzt.
Populärkultur und Inszenierung sind die Themen, die den Basler interessieren. „Woher kommt das, dass junge Leute das Gefühl haben, sie müssten jeden Move, den sie machen, ins Internet stellen?“ Die Selbstinszenierung von Subkulturen ist für ihn nicht grundlegend verschieden von einem Madonna-Konzert. „Madonna hat mich mehr geprägt als die meisten bildenden Künstler“, sagt Fabian. Und Lady Gaga fasziniert ihn mehr als, sagen wir, Sufjan Stevens. „Auch der authentischste Typ schwindelt ein kleines bisschen. Wer vor 2000 Menschen auf der Bühne steht, kann nicht authentisch sein.“ Bei einer Figur wie Chris Crocker, dessen Tränen für Britney Spears auf Youtube 27 Millionen mal angesehen wurden, lässt sich schon gar nicht entscheiden, was echt ist und was gespielt.
Immer wieder müssen sich auch The Bianca Story den Vorwurf anhören, das Drumherum sei ihnen wichtiger als die Musik. „Es wird oft nicht verstanden, dass wir wirklich von der Musik kommen“, verteidigt sich Fabian. Die Offenheit und Flexibilität kann orthodoxe Hörer freilich irritieren. „Bianca steht für weiß“, erklärt Fabian den Namen, „das weiße Blatt. Das heißt, dass wir immer wieder von null beginnen können.“ Noch weiß die Band selbst nicht, in welcher Form die neuen Aufnahmen erscheinen werden, die gerade enstehen. Fest steht nur: „Wenn wir wieder was im Kunstkontext machen, sollte das eine Weiterentwicklung sein.“ Möglich, dass die Releaseparty auf der nächsten Art Basel steigt.
Hemmungslose Hipsterband oder hintergründiges Kunstprojekt – wenn sich solche Fragen nicht eindeutig beantworten lassen, haben The Bianca Story schon gewonnen. Sie führen vor, dass es um mehr geht als um eine Band auf der Bühne und Tonaufnahmen in Plastikhüllen. Und dass nach dem Tonträger noch vieles kommen kann. „Ich glaube nicht“, sagt Fabian, „dass Musik an sich ihren Wert verliert, nur weil Leute nicht mehr dafür bezahlen.“