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AKTUELL /// FABIAN CHIQUET: PASS THIS ON im videotank, Zürich


Text von Marcel Bleuler

Mitten in der Stadt Zürich führt ein kleiner Kanal und neben ihm ein Fussweg unter einer Brücke hindurch, ein kleiner Untergrund bildet sich, dessen seltsame Proportionen jede Nutzung zu verunmöglichen scheinen. Der Fussweg ist tiefer gelegt als der Wasserspiegel, der wiederum nur etwa eineinhalb Meter unter der Brücke liegt und gerade genug Raum offen lässt für die kleinen Boote, die zum See hin- und zurückfahren. Drei Schaukästen im Fundament der Brücke, die früher den Fussgängern Einblick in ein Forellenaquarium gaben, beherbergen heute den VIDEO TANK.

Mit PASS THIS ON, einer Performance und einer permanenten Installation, feiert Fabian Chiquet diese unproportionierte urbane Ritze. Das Boot, auf dem sich der Künstler mit einer Sängerin und einem Gitarristen am Eröffnungsabend in den niedrigen Raum zwischen Wasser und Brücke schob, wurde zur Leinwand einer Lichtshow, die von Seiten des Fusswegs projiziert wurde und sich bereits wenige Meter neben dem Boot im grünen Fluss und sommerlichen Abendlicht verlor. In Mitten filigraner Lichtpunkte begann Chiquet mit den zwei Musikern Beats und Klänge zu spielen, die den Raum einnahmen und unverhohlen auf ihre Herkunft aus der Club- und Discokultur verwiesen. Mit dem Einsetzen des Gesangs wurde der Beat- und Klangteppich in ein neues Spiel aus Lichteffekten und in die Stimme der Sängerin getaucht. Wasserlinien mischten sich unter die symmetrischen Punkte der Lichtshow und die Zuschauer begannen sich fast unmerkbar, vielleicht unbewusst, zu bewegen, klopften im Takt auf ihren Unterarm oder bewegten einen Fuss. Eine widersprüchliche Intimität entstand im engen Raum unter der Brücke. Das Boot mit Chiquet und den Musikern schwamm in greifbarer Nähe zu den Zuschauern, die von der Musik in das Freiheitsgefühl einer grossstädtischen Clubnacht versetzt wurden.

Die Szenerie unter der Brücke, die Erinnerung an die Performance auf dem Wasser und die permanente Installation im VIDEO TANK, ist durchdrungen von Lichtshows, Beats und Bewegung. Im mittleren Schaukasten wird eine Discokugel von kreisenden Spots beleuchtet, durch die zwei flankierenden Fenster ist jeweils ein Monitor inmitten einer Spiegelkonstruktion zu sehen. Aus dem unsichtbaren Raum im Fundament der Brücke dringt pulsierende Musik, die die verdoppelte, simultan laufende Videoarbeit auf den Monitoren begleitet: Eine tanzende Figur vor sich spiegelnder und ständig wandelnder Lichtarchitektur. Und doch, es ist keine blinde Partywut, die hier zum Vorschein kommt. Die berauschenden Elemente, die nichts sind als Effekt und Oberfläche, fügen sich zu einer intuitiven Ordnung und Symmetrie. Es geht hier genauso um den Elektro-Rausch wie auch um eine dem scheinbar widersprechende Klarheit.

Hypnotisch und glasklar zugleich wirkt auch der Song PASS THIS ON der schwedischen Band THE KNIFE, auf dem die gleichnamige Arbeit von Fabian Chiquet basiert. Die Sogwirkung des Songs, der sich in Form eines verstörend schönen Clips über youtube in die ganze Welt verbreitete, findet im VIDEO TANK eine Ausweitung. In der ausgestellten Videoarbeit wird der Song vom Künstler neu arrangiert und gesungen. Diese Verinnerlichung kommt einer Durchleuchtung der Stimmung und des Lebensgefühls gleich, für die der Song steht, und zu denen Chiquet sich selbst, die Disco-Fragmente seiner Installation und die einnehmende Performance in Bezug setzt. Es ist keine Rekonstruktion, sondern die Weiterführung der Sogwirkung, ein „passing on“, zu dem der Titel aufruft, eine Infektion im positiven Sinne. Genau wie im Clip von THE KNIFE, in dem die leidenschaftliche aber kühle Sängerin die Menschen um sich herum langsam zum Tanzen bringt. Chiquets eigene Version des Songs klingt rauer, aber nicht weniger leidenschaftlich und klar. Im Video überlagert sein fortlaufend tanzender Körper eine Collage aus blinkenden und leuchtenden Popkonzertbühnen, die zu einem grafischen Geflecht werden, in dem sich die Figur phasenweise aufzulösen scheint, um allmählich wieder hervorzutreten und im Vordergrund zu tanzen.

An der Performance wurde nur der eine Song, PASS THIS ON, gespielt. Es war kein Konzert, sondern eine Choreographie von Beats, Lichtern, und Menschen die in eine unausgesprochene Kommunikation treten. Ein Freiheitsgefühl unter der niedrigen Brücke, eine Clubnacht im hellen Sommerabend, eine intuitive Ordnung im elektronischen Rausch. Die Szenerie lässt eine Stimmung entstehen, die sich schwer in Worte fassen lässt. Die man vielleicht erlebt, wenn man sich durch einen Club bewegt, durch das impulsive Blitzen des Lichts und vorwärtstreibende Beats hindurch, bis man sich unbewusst einen Menschen einprägt, der immer wieder in der Nähe erscheint, kurz zurückfällt in der Menge, um gleich wieder im eigenen Blickfeld aufzutauchen. Dieser Moment in Mitten des Chaos, wenn man sich selbst mit dem Anderen im gleichen Takt fühlt, wenn sich die Zeit verlangsamt, weil eine unbestimmte Verbindung entsteht, dieser Moment ist es, den Fabian Chiquets Performance und Installation im VIDEO TANK zum Ausdruck bringen.